
Der Hafen steht nie still
Arbeitszeiten
Unser Dienst läuft in einem festen Rhythmus:
Ich arbeite jeweils sieben Tage am Stück – täglich zwölf Stunden – und habe danach eine volle Woche frei. Danach wechselt die Schicht: eine Woche Tagschicht, eine Woche frei, eine Woche Nachtschicht, eine Woche frei – und dann beginnt der Zyklus von vorn.
Die Tagschichten beginnen entweder um 05:00 Uhr oder um 07:00 Uhr (die Nachtschichten entsprechend um 17:00 Uhr oder 19:00 Uhr).
Diese zwei Stunden Unterschied sorgen dafür, dass nicht alle Teams gleichzeitig Feierabend haben und der Hafenbetrieb rund um die Uhr besetzt bleibt – auch in den Übergangszeiten zwischen Tag und Nacht. Denn würden alle zur selben Zeit um 17:00 Uhr Feierabend machen – wer würde dann um 17:00 Uhr noch ein Schiff fest- oder losmachen?

Zu Wasser
Festmachen auf dem Wasserweg – 365 Tage im Jahr, bei Wind und Wetter, Tag und Nacht.
Knoten
Knoten gehören dazu – ob zum Festmachen, Sichern oder Lösen. (Bild klicken = YouTube Knoten-Playlist)
Zu Wasser
Über 30 Dalbenliegeplätze – mindestens.
Wenn ich versuche, sie alle zu zählen, komme ich auf über dreißig. Vielleicht habe ich auch einen übersehen – aber so viele sind es auf jeden Fall, an denen wir mit unseren kleinen Festmacherbooten Schiffe über die Wasserwege festmachen.
Ob in der Rethe, der Süder- oder Norderelbe im Hauptstrom – jede Anlage hat ihre Eigenheiten. Mal ist es die Anlage selbst, mal die Lage, weil dort die Strömung so eigen läuft, dass es kaum Sinn hat, auf ab- oder auflaufend Wasser zu achten. Das Boot bewegt sich dann ohnehin in die falsche Richtung.
Es ist also nicht immer nur Wind, Tide, Schlepper oder die Schiffsschrauben, die uns das Leben schwer machen – manchmal hat man einfach nur einen richtig guten Tag.
Vor dem Einsatz
Der Ablauf ist eigentlich immer derselbe: Boot checken (Kühlwasser, Öl, Bunkerstand, Elektrik) Positionslichter an, Maschine starten – und Leinen los.
Ich als Einzelfahrer fahre fast ausschließlich allein vom Liegeplatz los und treffe meine Kollegen erst vor Ort. Einer steigt dann als Decksmann zu mir ins Boot und gemeinsam wird das Schiff fest- oder losgemacht.
Nicht nur Festmacher-Jobs
Neben dem Festmachen von Seeschiffen machen wir auch Lifeboat-Fahrten, Tiefgangsablesungen, Lotsenversetzungen und andere Aufträge.
Lifeboat: Die Schiffsbesatzung wird abgeholt, zu ihrem zu Wasser gelassenen Rettungsboot gebracht, macht ihre Testfahrt und wird danach wieder an Bord gebracht.
Tiefgang: Leute von der Kai abholen, ums Schiff fahren, Tiefgangsmarken ablesen und wieder absetzen.
Ab und zu sind wir auch mit einer niederländischen Firma unterwegs, die mit einem Tauchroboter Schiffsbodenuntersuchungen macht. Es gibt also immer mal Jobs „außer der Reihe“.
Mir persönlich machen die Einsätze am meisten Spaß, bei denen man auch mal gefordert ist – zum Beispiel bei erster Flut im Hauptstrom. Action!
Pech gehört dazu
In meiner Laufbahn als Schiffsführer habe ich es zweimal geschafft, eine Leine in die Schraube zu kriegen – in beiden Fällen dieselbe Situation: mit rückwärtslaufende Maschine am Schiff gelegen, um Leinen entgegenzunehmen.
Wenn oben nicht aufgepasst wird und die zu schnell lose geben oder ausstecken, genau in dem Moment, in dem sie’s besser nicht tun sollten, dann kann so eine Leine schon mal in den Propeller gelangen.
Einmal zählt aber nicht: da haben wir die Schiffsleine, die sich in der Schraube verfangen hatte, hinten am Gerd Heinrich festgelascht, uns mit der Schiffswinde so weit rausziehen lassen, dass wir sie selbst wieder freibekommen haben – ohne sie abschneiden zu müssen. Beim anderen Mal war’s dann doch Abschleppen und Tauchfirma bestellen.
Aufeinander achten
Auf jeden Fall muss man immer aufpassen – und aufeinander achten.
Es ist wichtig, bei der Sache zu sein und sich aufeinander verlassen zu können.
Was mir in all den Jahren einmal passiert ist: Beim Auffahren der Vorläufer – also dem Draht mit etwa zehn Metern Leine am Ende – ist uns plötzlich einer übers Schanzkleid geschert, nachdem der damals angespannte Schlepper einmal angetaut hat.
In dem Moment hat sich unser Boot um 180 Grad gedreht – und meinen damaligen Kollegen gleich mit: ebenfalls 180 Grad, allerdings über Bord.
Bis ich ihn wieder an Deck hatte, kam’s mir vor wie eine Ewigkeit. Wahrscheinlich waren es nur zwei, drei Minuten – aber das war eine Situation, die ich kein zweites Mal erleben möchte.
Man selbst kann in dem Moment mit der Maschine nichts machen, hängt noch am Draht – und wenn’s richtig blöd läuft und der ins Rauschen kommt, dann hoffentlich am Kollegen vorbei…
Und ist es Murphys Gesetz, dass sowas immer im Winter passiert?
Und trotzdem: Für mich der geilste Job der Welt!
Über Land
Auch wenn die Bootsjobs deutlich mehr Spaß machen, findet der Großteil unserer Arbeit an Land statt. Mit unseren Windenwagen fahren wir nicht nur quer durch den Hamburger Hafen, sondern gelegentlich auch bis nach Lübeck oder Stade.
An Land gibt es Schiffe, die man allein macht und andere, bei denen man zu viert ist – je nach Terminal und Schiffsgröße. Eingespielte Teams sind hier ein klarer Vorteil. Denn machen wir uns nichts vor: Der Hafen steht nicht nur nie still – er ist auch laut.
Wenn wir zum Beispiel am Eurogate oder Burchardkai Schiffe festmachen, sind Handzeichen entscheidend. Man hört den Kollegen am Poller nicht, von sehen ganz zu schweigen. Wenn man selbst an der Winde steht und die Flutmauer die Sicht auf den Kollegen verdeckt, muss jedes Handzeichen sitzen – und verstanden werden.
Wie bei den Dalbenliegeplätzen hat auch jedes Terminal an Land seine Eigenheiten: Zäune, Flutmauern oder Anlagen wie GHG Kuhwerder, wo man quasi unter der Anlage arbeitet. Nicht überall können wir die Winde zur Unterstützung einsetzen – an manchen Stellen heißt es schlicht Oldschool Handarbeit. Dann werden die Leinen eben ohne mechanische Hilfe rübergeholt.
Der Winter:
Eines haben alle Anlagen gemeinsam: Den Winter. Und wer das noch nie erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, was mit den Leinen passiert, wenn sie steif-, und aneinander gefroren sind, da wird jede Verholung zur Tortur. Mit jeder Verholung werden sie härter – einmal durchs Wasser, eine Schicht Eis obendrauf.
Mein persönlicher Rekord: ein MSC-Abgang am Eurogate. Normalerweise dauert das keine zehn Minuten – an dem Tag waren es eine Stunde und 45 Minuten. Mit der Hand ging nichts, mit einer Winde nicht, selbst zwei Windenwagen nebeneinander brachten nichts. Am Ende haben wir mit einem Lehmann auf den Leinen herumgekloppt, um sie weich zu kriegen.
Und auch das Festmachen kann an solchen Tagen locker doppelt oder dreimal so lange dauern. Wenn auf der Elbe Eisgang ist, das Schiff nur langsam an die Kai kommt, man schon die ersten Leinen rüberholt – und dann wieder alles loswerfen muss, weil zu viel Eis zwischen Schiff und Kaimauer treibt – dann beginnt das Spiel von vorn.
Leinen wieder los, Schiff klappt ab, die Schlepper fahren zwischen Schiff und Anlage einmal quer durch, schieben die Eisschollen beiseite – und dann startet der zweite Versuch, in der Hoffnung, dass diesmal alles passt.
Der nächste Winter kommt bestimmt.


Knoten
Der gebräuchlichste Knoten bei uns ist wohl der Palstek. Den setzen wir jedes Mal dann, wenn wir den Kollegen auf dem Pfahl aus dem Boot heraus die Leine anstecken. Alternativ funktioniert hier auch ein Achterknoten auf Slip.
Der Schotstek eignet sich gut, um schnell zwei Leinen miteinander zu verbinden.
Wenn wir mit den Windenwagen zum Beispiel die Achtersprings mit der Jolle durch die Flutmauer hieven, ist der Webleinstek die beste Wahl. Den steckt man hinter dem Auge der Schiffsleine an – so kann die Winde die Leine bis kurz vor den Poller ziehen, der Knoten lässt sich einfach wieder lösen und das Auge dann über den Poller legen. Bindet man die Jolle direkt am Auge fest, klemmt es oft, wenn man die Leine von der Winde aus über die Flutmauer und um den Poller herum führen muss.
Den Kreuzknoten nutzen wir immer dann, wenn wir an Dalbenanlagen mit den Schiffleinen durch ein Kettenglied müssen und den gesetzten Lasching am Ende fixieren.
So gibt es viele verschiedene Knoten für die unterschiedlichsten Anwendungen. Die wichtigsten in unserem Job findet ihr auf meinem YouTube-Kanal in der Playlist „Knoten & mehr“.


